mein neues Leben
im Rollstuhl

     
   

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Petra S. von Känel


 

Vom Kutschbock in den Rollstuhl

Der 17. Juli 2004 war eigentlich ein schöner Tag. Mein erster lang ersehnter Ferientag. Ich hatte genug Zeit für mich und meinen Friesenhengst Leo út de Polder. Mein damaliger Lebenspartner war an einem Seminar in einer anderen Stadt. Wie gewohnt spannte ich Leo ein und wir fuhren in den Wald, wie wir es schon unendlich viele Male alleine getan hatten. Auf dem Nachhauseweg kam mir spontan in den Sinn, zum neuen Weg hinzufahren, der in diesem hügeligen Wäldchen relativ neu gebaut worden ist. Dort angekommen wendete ich die Kutsche, liess Leo oben stehen, stieg ab und lief den neuen Weg hinunter. Der sah ja total spannend aus und man konnte ein ganzes Stück inkl. Strasse umgehen. Die kleine Treppe neben dem Weg störte mich überhaupt nicht. Ich war mit der kleinen Marathonkutsche unterwegs, welche ja eine ganz geringe Spurbreite hatte. 

Das Schicksal stellte mir die Frage: Rechts den neuen spannenden Weg hinunter oder umkehren und links weiterfahren.
Die Neugier war grösser und ich fuhr rechts hinunter. Das war eine schlechte Entscheidung. Dann ging alles ganz schnell. Obwohl ich im Schneckentempo im abgekürzten Schritt den Weg hinunterfuhr, merkte ich, dass ich trotz des Bremsens und genug rechts gefahren mit dem linken Vorderrad auf die Treppenstufe neben dem Weg gekommen bin und so wollte ich anhalten und bremsen. Doch die Kutsche bockte sich von hinten ganz langsam auf und ich rutschte vollkommen auf die Vorderradbremse, weshalb sich die Kutsche ganz überschlug. Ich landete zwischen Leo und der umgekippten Kutsche und fluchte wie ein Rohrspatz (ganz grosser Fehler!). Leo zog wieder an und in diesem Augenblick bockte sich die Kutsche erneut auf, schlug mir in den Rücken und ich flog wie eine Stoffpuppe rechts in die Bäume den Abhang hinunter und blieb liegen. Der Flug war wie auf einer Wolke. Es war schön und ich hatte keine Schmerzen. Endlich mal keine Schmerzen mehr, nachdem ich schon seit 20 Jahren Rückenschmerzen hatte! Ein schönes Gefühl. Ich lag da, im tiefen Wald in den Blättern, Kopf bergab, mit dem Gesicht nach unten und wollte mich aufrappeln, doch mein Körper reagierte nicht. „Das kann doch nicht war sein – ich bin querschnittgelähmt“, schoss es mir durch den Kopf. Ich bekam kaum Luft und dachte, jetzt muss ich sterben. Habe ich innere Blutungen? Ich bin doch viel zu jung um zu sterben! Mit 38 Jahren hat man doch noch sein ganzes Leben vor sich. Ich drehte meinen Kopf ganz vorsichtig nach rechts um nach meinem Körper zu sehen. Da lag mein Bein und mein Fuss, ganz verdreht. Ich versuchte mich anzufassen und spürte nichts – absolut nichts! „Ich habe mir meinen Rücken gebrochen“, schoss es mir durch den Kopf. Ich schrie nach Hilfe und hörte mich um. Nichts. Ich hörte auch kein Hufgetrampel mehr. Es war absolut still. Es war niemand mehr hier. Ich schrie und schrie und schrie - Hilfe, ich brauche einen Arzt – ganze 5 Stunden lang. Normalerweise wimmelt es im Wald von Hündelern, Joggern, Reitern, Bikern, Nordic Walkern, Kindern etc. Aber heute war niemand hier. Ich dachte „ruhig bleiben – lieber Gott lass mich von jemandem finden!“ Ich lauschte wieder und hörte nichts, einfach nichts. Ich atmete schwer, versuchte ruhig, gelassen und regelmässig tief zu atmen. Ich bekam kaum Luft – lag ich im Sterben? Es waren sehr lange 5 Stunden und immer wieder die bange Frage: Was ist mit Leo geschehen? Ist er verletzt? Ist er nach Hause gelaufen? Wir müssen entlang einer sehr stark befahrenen Hauptstrasse nach Hause fahren. Das wäre der Horror, wenn meinem schwarzen Liebling wegen mir was passieren würde. Es wurde dunkel und begann zu gewittern. Ich wurde nass und ich fühlte mich kalt. Gibt es überhaupt Menschen die mich vermissen? Mein Partner war ja nicht da. Ja, es gab Menschen die mich vermissten. Auf einmal hörte ich die Stimme von Albert: „Monika – hier liegt sie!“ Monika und Albert haben Leo in ihrem Stall. Jetzt wird alles gut und der Rettungswagen kommt. „Leo ist sicher zu Hause und es geht ihm gut“, wurde berichtet. Das war sehr erleichternd für mich. Ich erfuhr, dass Leo zur Rösslerkollegin Maja, welche ein Haus am Weg hatte, gelaufen ist und dass sie Leo aufhalten konnte und dann ein Gast von ihr Leo nach Hause fuhr. Seit 5 Stunden haben mich meine Kollegen gesucht. Die Polizei wollte nicht, sie wollten lieber nur die Personalien der suchenden Personen aufnehmen. Aber Monika und Albert gaben nicht auf. Im Ausschlussverfahren, von Bauernhof zu Bauernhof gefahren und haben nachgefragt. Haben Sie mich gefunden! Aber niemand hätte gedacht, dass ich so nahe lag; keine 100 Meter von diesem besagten Haus entfernt. Meine Hilferufe wurden aber vom Wald geschluckt.
Endlich rückte das Rettungsteam an. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich auf der Barre lag, ohne Halsschutz! Ich wurde nach St. Gallen ins Kantonsspital gefahren. Im MRI wurde festgestellt, dass ich zwar keinen Bruch der Wirbelsäule hatte, jedoch eine Rückenmarkschwellung und im Hals oben eine totale Kanalspinalverengung inkl. zwei uralten Bandscheibenvorfällen! Die Oberärztin „Spezialistin für Rückenverletzungen“ konnte es kaum glauben, dass dies von meinen Ärzten seit Jahren übersehen wurde, obwohl ich x-mal dort war und über Schmerzen geklagt hatte. Ich lief also seit Jahren mit dieser tickenden Zeitbombe im Hals herum. Was für eine Vorstellung! Musste mein Unfall passieren, damit dies endlich entdeckt wurde? Die Oberärztin und meine Familie entschieden auf eine sofortige Operation, damit das Rückenmark (Liquid) wieder „fliessen“ kann. Es ging alles ganz schnell. Die Operation erfolgte am Sonntag. Ich wurde "betäubt" und nach der Notoperation mit der REGA hierher nach Nottwil ins Schweizer Paraplegikerzentrum geflogen und auf die Intensivstation gebracht. Ich wachte erst ein paar Tage später wieder auf. Es war ganz schrecklich; überall piepsten Monitore und ich bekam kaum Luft. Das war die schrecklichste Zeit für mich. Ich erfuhr, dass ich Tetraplegikerin, also querschnittgelähmt bin. Tetraplegie = mit Beinen und Armen eingeschränkt. Ich konnte nur knapp die Arme bewegen. Die dümmste Frage, welche mir von einer Psychologin gestellt wurde: „Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Situation?“ Ich fühlte mich im falschen Film. Die Verlegung auf eine normale Station war die Erlösung für mich.

„der Vogel fliegt – der Fisch schwimmt – der Mensch läuft“

Der Mensch (und jedes Lebewesen) ist ein unglaublich kompliziertes Wunderwerk der Natur. Umso unverständlicher ist es, wie sorglos manche Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Manche wissen nicht, wie gut es ihnen geht, können sich über viele Kleinigkeiten aufregen und sich das Leben unnötig schwer machen.

 
Petra im Kraftraum von Nottwil hier noch im September 2004, heute einige Kilos leichter...

Nottwil - Paraplegiker-Zentrum
Ich habe vieles neu lernen müssen. Auch was querschnittgelähmt sein bedeutet. Es geht um mehr als nur die Beine nicht bewegen zu können. Blase und Darm sind involviert und je nach Höhe der Läsion auch noch die Atmung. Wie froh bin ich ohne Beatmungsgerät leben zu können. Meine Hände sind wieder im Einsatz, wenn auch mit verminderter Sensibilität und Geschicklichkeit. Ich kann wieder selber essen und auch eMailen und vieles andere wieder machen. Selbständigkeit ist wichtig. Sich selber anziehen und pflegen können. Selber - auch wenn im „Rolli“ – irgendwo hinrollen können. Der Kreislauf spielt noch nicht immer ganz mit und meine Spastik und Spasmen machen mir das Leben schwer. Trotzdem; Ich hatte Glück im Unglück. Ich hätte tot sein können. Der Halswirbel wurden erfolgreich operiert, ein künstlicher Halswirbel eingesetzt (C6) und meine Schwellung auf Brusthöhe im Rückenmark ist auch etwas zurückgegangen. Seit 23.9. kann ich meine Zehen wieder etwas bewegen und mittlerweile sind noch wenig andere Beinbewegungen zurückgekommen. Ich kann meine Beine nur bedingt kontrolliert und ganz langsam bewegen. Immer wieder zucken Spasmen durch meinen Körper und machen jede gute Bewegung zu nichte. Aber jedes Bisschen, das zurückkommt, ist ein Geschenk (Nov. 2007, leider ist nichts mehr gross zurückgekommen, ich habe akzeptiert, dass es leider so bleiben wird). Fürs tägliche Leben brauche ich viel Kraft und Geduld aber ich bin eine Kämpfernatur. Bis zu 40 Therapietermine zierten in Nottwil meinen Terminkalender. Von Physio bis zur Hippotherapie, Feldenkrais, Wassertherapie, Ergo und Sport (Krafttraining, Konditionstraining, Rollstuhltraining, Tischtennis) ist alles dabei. Ich fühlte mich hier in Nottwil sehr gut aufgehoben und kompetent betreut. Bald durfte ich nach hause, 9 Monate REHA war eine lange Zeit
(seit 19. April 2005 zuhause im Alltag).

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Leo lebt nicht mehr

In der Zwischenzeit hab ich einen weiteren Schicksalsschlag erfahren (7 Wochen nach meinem Unfall). Leider hat Leo in der Zwischenzeit einen Hufabzess erlitten. Er ist sich vermutlich selbst auf den Kronenrand getreten, da er einen Offenstall bekommen hatte und selber rein und raus konnte. Am ersten Tag des Lahmens wurde sofort der Tierarzt geholt und mobil geröntgt. Erste Diagnose: Altersarthrose. Mit dem hätte ich leben können. Aber es war nicht so. Nach drei Tagen brach Eiter aus dem Kronrand aus, wie mir berichtet wurde. Ich lag hier in Nottwil und konnte nichts tun. Was für ein Schock. Ich habe den Tierarzt gefragt, ob ich Schuld sei, er verneinte. Die Zeit zwischen meinem Unfall und Leos Erkrankung ist einfach eine zu lange Zeitspanne. Leider konnten der Tierarzt und der Hufschmied Leo trotz täglicher Pflege nicht retten. Die aggressiven Bakterien wanderten bis ins Karpalgelenk, frassen den Schleimbeutel an und die Gelenkflüssigkeit lief aus. Ein Todesurteil. Leo stand nur noch auf drei Beinen im Stall, trotz Medikamenten. 
Er musste am 21.9.2004 von seinen Schmerzen erlöst werden.  

letzte Fotos vom 7.9.04  Arbeit vom Hufschmied betrachten

Tag der Hausabklärung mit dem Architekten, wegen meinem Umbau zuhause (Rollstuhllift etc.) 
durfte ich noch zu Leo’s Stall.

Ich vermisse Leo so unglaublich. Er ist „nur“ 18½ Jahre alt geworden. Dafür hatten wir wunderbare 15 Jahre zusammen, die ich niemals vergessen werde. Er war ein unglaubliches Pferd und wir hatten ein wunderbares Vertrauensband. So ein Pferd gibt es nie wieder.
Danke Leo, für die wunderbare Zeit - ich werde Dich niemals vergessen und Du wirst immer ein Platz in meinem Herzen haben. 

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