Der
17. Juli 2004 war eigentlich ein schöner Tag. Mein erster lang
ersehnter Ferientag. Ich hatte genug Zeit für mich und meinen
Friesenhengst Leo út de Polder. Mein damaliger Lebenspartner
war an einem Seminar in einer anderen Stadt. Wie gewohnt spannte
ich Leo ein und wir fuhren in den Wald, wie wir es schon
unendlich viele Male alleine getan hatten. Auf dem Nachhauseweg
kam mir spontan in den Sinn, zum neuen Weg hinzufahren, der in
diesem hügeligen Wäldchen relativ neu gebaut worden ist. Dort
angekommen wendete ich die Kutsche, liess Leo oben stehen, stieg
ab und lief den neuen Weg hinunter. Der sah ja total spannend
aus und man konnte ein ganzes Stück inkl. Strasse umgehen. Die
kleine Treppe neben dem Weg störte mich überhaupt nicht. Ich
war mit der kleinen Marathonkutsche unterwegs, welche ja eine
ganz geringe Spurbreite hatte.
Das Schicksal stellte mir die Frage: Rechts den neuen spannenden
Weg hinunter oder umkehren und links weiterfahren.
Die Neugier war grösser und ich fuhr rechts hinunter. Das war
eine schlechte Entscheidung. Dann ging alles ganz schnell.
Obwohl ich im Schneckentempo im abgekürzten Schritt den Weg
hinunterfuhr, merkte ich, dass ich trotz des Bremsens und genug
rechts gefahren mit dem linken Vorderrad auf die Treppenstufe
neben dem Weg gekommen bin und so wollte ich anhalten und
bremsen. Doch die Kutsche bockte sich von hinten ganz langsam
auf und ich rutschte vollkommen auf die Vorderradbremse, weshalb
sich die Kutsche ganz überschlug. Ich landete zwischen Leo und
der umgekippten Kutsche und fluchte wie ein Rohrspatz (ganz
grosser Fehler!). Leo zog wieder an und in diesem Augenblick
bockte sich die Kutsche erneut auf, schlug mir in den Rücken
und ich flog wie eine Stoffpuppe rechts in die Bäume den Abhang
hinunter und blieb liegen. Der Flug war wie auf einer Wolke. Es
war schön und ich hatte keine Schmerzen. Endlich mal keine
Schmerzen mehr, nachdem ich schon seit 20 Jahren
Rückenschmerzen hatte! Ein schönes Gefühl. Ich lag da, im tiefen Wald in den Blättern,
Kopf bergab, mit dem Gesicht nach unten und wollte mich
aufrappeln, doch mein Körper reagierte nicht. „Das kann doch
nicht war sein – ich
bin querschnittgelähmt“, schoss es mir durch den Kopf.
Ich bekam kaum Luft und dachte, jetzt muss ich sterben. Habe ich
innere Blutungen? Ich bin doch viel zu jung um zu sterben! Mit
38 Jahren hat man doch noch sein ganzes Leben vor sich. Ich
drehte meinen Kopf ganz vorsichtig nach rechts um nach meinem Körper
zu sehen. Da lag mein Bein und mein Fuss, ganz verdreht. Ich
versuchte mich anzufassen und spürte nichts – absolut nichts!
„Ich habe mir meinen Rücken gebrochen“, schoss es mir durch
den Kopf. Ich schrie nach Hilfe und hörte mich um. Nichts. Ich
hörte auch kein Hufgetrampel mehr. Es war absolut still. Es war
niemand mehr hier. Ich schrie und schrie und schrie - Hilfe, ich
brauche einen Arzt – ganze 5
Stunden lang. Normalerweise wimmelt es im Wald von Hündelern,
Joggern, Reitern, Bikern, Nordic Walkern, Kindern etc. Aber
heute war niemand hier. Ich dachte „ruhig bleiben – lieber
Gott lass mich von jemandem finden!“ Ich lauschte wieder und hörte
nichts, einfach nichts. Ich atmete schwer, versuchte ruhig,
gelassen und regelmässig tief zu atmen. Ich bekam kaum Luft –
lag ich im Sterben? Es waren sehr lange 5 Stunden und immer
wieder die bange Frage: Was ist mit Leo geschehen? Ist er
verletzt? Ist er nach Hause gelaufen? Wir müssen entlang einer
sehr stark befahrenen Hauptstrasse nach Hause fahren. Das wäre
der Horror, wenn meinem schwarzen Liebling wegen mir was
passieren würde. Es wurde dunkel und begann zu gewittern. Ich
wurde nass und ich fühlte mich kalt. Gibt es überhaupt
Menschen die mich vermissen? Mein Partner war ja nicht da. Ja,
es gab Menschen die mich vermissten. Auf einmal hörte ich die
Stimme von Albert: „Monika – hier liegt sie!“ Monika und
Albert haben Leo in ihrem Stall. Jetzt wird alles gut und der
Rettungswagen kommt. „Leo ist sicher zu Hause und es geht ihm
gut“, wurde berichtet. Das war sehr erleichternd für mich.
Ich erfuhr, dass Leo zur Rösslerkollegin Maja, welche ein Haus
am Weg hatte, gelaufen ist und dass sie Leo aufhalten konnte und
dann ein Gast von ihr Leo nach Hause fuhr. Seit 5 Stunden haben
mich meine Kollegen gesucht. Die Polizei wollte nicht, sie
wollten lieber nur die Personalien der suchenden Personen
aufnehmen. Aber Monika und Albert gaben nicht auf. Im
Ausschlussverfahren, von Bauernhof zu Bauernhof gefahren und
haben nachgefragt. Haben Sie mich gefunden! Aber
niemand hätte gedacht, dass ich so nahe lag; keine 100 Meter
von diesem besagten Haus entfernt. Meine Hilferufe wurden aber
vom Wald geschluckt.
Endlich rückte das Rettungsteam an. Es dauerte noch eine ganze
Weile, bis ich auf der Barre lag, ohne Halsschutz! Ich wurde
nach St. Gallen ins Kantonsspital gefahren. Im MRI wurde
festgestellt, dass ich zwar keinen Bruch der Wirbelsäule hatte,
jedoch eine Rückenmarkschwellung und im Hals oben eine totale
Kanalspinalverengung inkl. zwei uralten Bandscheibenvorfällen!
Die Oberärztin „Spezialistin für Rückenverletzungen“
konnte es kaum glauben, dass dies von meinen Ärzten seit Jahren
übersehen wurde, obwohl ich x-mal dort war und über Schmerzen
geklagt hatte. Ich lief also seit Jahren mit dieser tickenden
Zeitbombe im Hals herum. Was für eine Vorstellung! Musste mein
Unfall passieren, damit dies endlich entdeckt wurde? Die Oberärztin
und meine Familie entschieden auf eine sofortige Operation,
damit das Rückenmark (Liquid) wieder „fliessen“ kann. Es ging alles
ganz schnell. Die Operation erfolgte am Sonntag. Ich wurde
"betäubt"
und nach der Notoperation mit der REGA hierher nach Nottwil ins
Schweizer Paraplegikerzentrum geflogen und auf die
Intensivstation gebracht. Ich wachte erst ein paar Tage später
wieder auf. Es war ganz schrecklich; überall piepsten Monitore
und ich bekam kaum Luft. Das war die schrecklichste Zeit für
mich. Ich erfuhr, dass ich Tetraplegikerin, also querschnittgelähmt
bin. Tetraplegie = mit Beinen und Armen eingeschränkt. Ich konnte nur knapp die Arme bewegen. Die dümmste Frage, welche
mir von einer Psychologin gestellt wurde: „Wie fühlen Sie
sich in Ihrer neuen Situation?“ Ich fühlte mich im falschen
Film. Die Verlegung auf eine normale Station war die Erlösung für
mich.
„der
Vogel fliegt – der Fisch schwimmt – der Mensch läuft“
Der
Mensch (und jedes Lebewesen) ist ein unglaublich kompliziertes
Wunderwerk der Natur. Umso unverständlicher ist es, wie sorglos
manche Menschen mit ihrer Gesundheit umgehen. Manche wissen
nicht, wie gut es ihnen geht, können sich über viele
Kleinigkeiten aufregen und sich das Leben unnötig schwer
machen.
Petra
im Kraftraum von Nottwil hier noch im September 2004, heute
einige Kilos leichter...
Nottwil
- Paraplegiker-Zentrum
Ich habe vieles
neu lernen müssen. Auch was querschnittgelähmt sein bedeutet.
Es geht um mehr als nur die Beine nicht bewegen zu können.
Blase und Darm sind involviert und je nach Höhe der Läsion
auch noch die Atmung. Wie froh bin ich ohne Beatmungsgerät
leben zu können. Meine Hände sind wieder im Einsatz, wenn auch
mit verminderter Sensibilität und Geschicklichkeit. Ich kann wieder selber essen und
auch eMailen und vieles andere wieder machen. Selbständigkeit
ist wichtig. Sich selber anziehen und pflegen können. Selber -
auch wenn im „Rolli“ – irgendwo hinrollen können. Der
Kreislauf spielt noch nicht immer ganz mit und meine Spastik und
Spasmen machen mir das Leben schwer. Trotzdem; Ich hatte Glück
im Unglück. Ich hätte tot sein können. Der Halswirbel wurden
erfolgreich operiert, ein künstlicher Halswirbel eingesetzt
(C6) und
meine Schwellung auf Brusthöhe im Rückenmark ist auch etwas
zurückgegangen. Seit 23.9. kann ich meine Zehen wieder etwas
bewegen und mittlerweile sind noch wenig andere Beinbewegungen
zurückgekommen. Ich kann meine Beine nur bedingt kontrolliert
und ganz langsam bewegen. Immer wieder zucken Spasmen durch
meinen Körper und machen jede gute Bewegung zu nichte. Aber jedes Bisschen, das zurückkommt, ist ein
Geschenk (Nov. 2007, leider ist nichts mehr gross
zurückgekommen, ich habe akzeptiert, dass es leider so bleiben
wird). Fürs tägliche Leben brauche ich viel Kraft und Geduld
aber ich bin eine Kämpfernatur. Bis
zu 40 Therapietermine zierten in Nottwil meinen Terminkalender. Von Physio
bis zur Hippotherapie, Feldenkrais, Wassertherapie, Ergo und Sport
(Krafttraining, Konditionstraining, Rollstuhltraining,
Tischtennis) ist alles
dabei. Ich fühlte mich hier in Nottwil sehr gut aufgehoben und
kompetent betreut. Bald durfte ich nach hause, 9 Monate REHA war
eine lange Zeit
(seit 19. April 2005 zuhause im Alltag).
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Leo
lebt nicht mehr
In
der Zwischenzeit hab ich einen weiteren Schicksalsschlag
erfahren (7 Wochen nach meinem Unfall). Leider hat Leo in der Zwischenzeit einen Hufabzess
erlitten. Er ist sich vermutlich selbst auf den Kronenrand
getreten, da er einen Offenstall bekommen hatte und selber rein
und raus konnte. Am ersten Tag des Lahmens wurde sofort der
Tierarzt geholt und mobil geröntgt. Erste Diagnose:
Altersarthrose. Mit dem hätte ich leben können. Aber es war
nicht so. Nach drei Tagen brach Eiter aus dem Kronrand aus, wie
mir berichtet wurde. Ich lag hier in Nottwil und konnte nichts
tun. Was für ein Schock. Ich habe den Tierarzt gefragt, ob ich
Schuld sei, er verneinte. Die Zeit zwischen meinem Unfall
und Leos Erkrankung ist einfach eine zu lange Zeitspanne. Leider
konnten der Tierarzt und der Hufschmied Leo trotz täglicher
Pflege nicht retten. Die aggressiven Bakterien wanderten bis ins
Karpalgelenk, frassen den Schleimbeutel an und die Gelenkflüssigkeit
lief aus. Ein Todesurteil. Leo stand nur noch auf drei Beinen im
Stall, trotz Medikamenten.
Er musste am 21.9.2004 von seinen
Schmerzen erlöst werden.